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Nov 2021

Schichtarbeit familienfreundlich gestalten

Schichtarbeit wird in der Regel als eine gesundheitlich und sozial belastende Arbeitsform wahrgenommen, was die Personalgewinnung in Zeiten des Fachkräftemangels erschwert. Doch es gibt gute Ansatzpunkte für familien- und vereinbarkeitsfreundliche Arbeitsbedingungen im Schichtbetrieb.

Vielfältige Herausforderungen durch Schichtarbeit

In Betrieben mit Schichtarbeit stehen Arbeitgeber vor besonderen Herausforderungen.

Schichtarbeit ist körperlich belastend. Da sich die innere Uhr nicht gänzlich umstellen lässt, ist vor allem der Schlaf ein Thema. Wer nachts arbeitet, kann den entgangenen Nachtschlaf nur eingeschränkt am Tag nachholen, der Tagschlaf ist kürzer und beinhaltet weniger Tiefschlaf- und Traumphasen.

Eine weitere Rolle spielen beispielsweise biologische Rhythmen. Während Morgenmenschen („Lerchen“) keine Probleme mit der Frühschicht haben, sich aber durch die Nachtschicht quälen müssen, erleben Abendtypen („Eulen“) die Schichtbelastungen gerade in den Morgenstunden besonders stark.

Die gesundheitlichen Belastungen wachsen mit der Dauer der Schichtarbeit. Dabei variieren sie je nach Branche, Berufs- und Tätigkeitsfeldern. Sie werden beeinflusst durch das betriebliche Arbeits- und Leistungsgeschehen, durch personalpolitische Strategien und die Ausgestaltung des jeweiligen Schichtsystems.

Weitere Belastungen finden sich auf der sozialen Ebene: Oft geht die Schichtarbeit zu Lasten des Familienlebens und der sozialen Kontakte. Allerdings gehen die Beschäftigten sehr unterschiedlich mit der Schichtarbeit um.  Während die einen unter Einschränkungen leiden, nutzen andere die Vorteile, z. B., indem sie die freien Zeiten an Wochentagen oder längere Freizeitblöcke für Erledigungen und Freizeitgestaltung nutzen.

Grundsätzlich gilt: Je besser das Schichtmodel zu den Lebensumständen des Einzelnen passt, desto geringer werden die Belastungen empfunden.

 

Fachkräftemangel erschwert Personalgewinnung

Schichtarbeit wird immer wichtiger, die Zahl der betroffenen Beschäftigten steigt kontinuierlich an. Laut Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft e.V. (iso) arbeiten mehr als 3 Millionen Menschen ständig oder regelmäßig zwischen 23:00 und 6:00 Uhr.

Um Beschäftigte zu gewinnen, zu binden und gesund zu erhalten, sind Themen wie „gesundes Arbeiten“, „alters- und alternsgerechte Arbeitsgestaltung“ oder „Work-Life-Balance“ Schlüsselfaktoren, mit denen sich Unternehmen mit Schichtarbeit als attraktive Arbeitgeber positionieren und ihre Beschäftigten langfristig binden können. Gute Arbeit und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen fördern zudem die Motivation und Arbeitszufriedenheit.

 

Ansatzpunkte für gute Schichtarbeit

Es ist auch im Schichtbetrieb möglich, flexiblere Arbeitszeitmodelle zu entwickeln, die dem Bedürfnis der Beschäftigten nach Zeitsouveränität entgegenkommen. Dazu einige Beispiele:

  • Arbeitszeitkonto mit der Möglichkeit, zusätzliche freie Tage in Anspruch zu nehmen;
  • Verkürzung der Jahresarbeitszeit, um die Zahl der Schichten zu reduzieren;
  • Verkürzte Tagesschichten, z. B. für Beschäftigte mit Familienaufgaben
  • Mitsprache bei der Lage der Schichten und der freien Tage sowie frühzeitige Information bei Umstellungen
  • Zeitversetzter Schichtbeginn und -ende
  • Gleitzeit und flexible Schichtübergaben
  • Jobsharing, bei dem sich zwei Beschäftigte einen Schichtarbeitsplatz teilen.
  • „Tauschbörse“ für Schichten

Zusätzlich können Arbeitgeber ihre Beschäftigten mit weiteren Flexibilisierungsmaßnahmen und Angeboten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen.

Dazu zählen u.a.:

  • Kinderbetreuung, z.B. Betriebskita mit bedarfsgerechten Betreuungszeiten, Belegplätze in unternehmensnahen Betreuungseinrichtungen, Notfall- oder Ferienbetreuung
  • Kooperation mit lokalen Initiativen, Betrieben oder Anlaufstellen zum Thema Vereinbarkeit (Bündnisse für Familien, Beteiligung an einer betriebsübergreifenden Kinderbetreuung)
  • Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf (z.B. Sonderurlaub, Freistellung, Beratung)
  • Finanzielle Zuschüsse, z.B. zur Kinderbetreuung oder für die Pflege von Angehörigen, zinsloses Darlehen
  • Aktive Gestaltung von Elternzeit und Wiedereinstieg (z.B. Förderung der Väterzeit, Fort- und Weiterbildungsangebote, Teilzeit während der Elternzeit)

Sinnvoll sind außerdem Angebote wie etwa Kantinenessen, das an die Bedürfnisse von in Schicht arbeitenden Beschäftigten angepasst ist sowie Informationen zum Umgang mit Schichtarbeit, zu gesundem Schlaf- oder Freizeitverhalten.

 

„Beispiele der guten Praxis“ aus dem Familienpakt

Der Familienpakt Bayern bietet eine Plattform zum Austausch von Beispielen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. An drei Terminen stellten Preisträger aus dem Unternehmenswettbewerb Erfolgreich.Familienfreundlich ihre „Best Practice“-Lösungen vor. So teilten am 21.10.2021 zum Thema „Familienfreundliches Arbeiten im Schichtbetrieb“ folgende Unternehmen ihre Erfahren:

  1. Bergader Privatkäserei GmbH

Das Unternehmen hat verschiedene Maßnahmen zur Arbeitszeitgestaltung in Betriebsvereinbarungen sowie dem Haustarifvertrag geregelt. Unter anderem wird für Wochenendarbeit ein Belastungsausgleich gewährt, Wochenendarbeit ist nur an zwei Wochenenden pro Monat verpflichtend. Schicht- und Freizeitwünsche werden weitgehend berücksichtigt, ein Ausgleich von Überstunden in Freizeit ist auch kurzfristig möglich.

Eltern unterstützt das Unternehmen mit einer Betriebskita neben dem Betriebsgelände. Bergader übernimmt dabei 50% der Betreuungskosten.

  1. Danuvius Klinik GmbH

Bei der Gestaltung der Dienstpläne werden verschiedene Aspekte berücksichtigt, um die Familienfreundlichkeit zu erhöhen:

  • Langfristige Planbarkeit, indem Dienstpläne frühzeitig bekannt sind und Abweichungen nach Möglichkeit vermieden werden.
  • Mitsprache bei der Dienstplangestaltung (Wunschbuch).
  • Für „Notfälle“: Flexibilität durch Absprachen in den Teams
  • Regelmäßige Überstunden werden nach Möglichkeit vermieden.

Für Eltern bietet das Unternehmen eine flexibel buchbare Ferienbetreuung an. Beschäftigte mit Pflegeaufgaben erhalten Hilfe bei der Suche nach Betreuungsangeboten und Unterstützung bei der Pflege.

  1. Haslinger Firmengruppe

Die Firmengruppe Haslinger bietet individuelle Arbeitszeitmodelle für mehr Familienfreundlichkeit:

  • Teilzeitarbeit im Schichtbetrieb
  • 4-Tage-Woche für Beschäftigte mit langer Anreise
  • „Blockarbeit“ (z.B. 6-Tage-Woche) für längere Freizeiten
  • Sonderschichten (Anpassung an Kinderbetreuungszeiten, Pflegezeiten von Angehörigen)
  • Flexible Anfangs- und Endzeiten

Zudem bietet das Unternehmen Gesundheitstage und Aktionen wie "Massage im Betrieb" oder Schlafanalyse an. Führungskräfte werden hinsichtlich der Unterstützung der Beschäftigten bei der Gestaltung von familienfreundlichen Arbeitszeiten geschult.

Was sonst noch wichtig ist: Kultur, Führung und Kommunikation

Auch bei Schichtarbeitenden resultieren psychosoziale Belastungen oftmals aus Störungen in den sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz. Zu den wichtigsten sozialen Ressourcen gehören ein gutes Arbeitsklima, ein kollegiales Verhältnis, eine wertschätzende Kultur und ein beteiligungsorientierter, unterstützender Führungsstil. Sie fördern Motivation, Arbeitszufriedenheit und Leistungsbereitschaft.

Führungskräfte haben eine Schlüsselrolle inne. Sie sollten daher für den Umgang mit arbeitsbezogenen Belastungen durch den Schichtbetrieb sensibilisiert sein (z.B. Coachings zu Prävention, Gesund führen)

Entscheidend für die Sichtbarkeit und den Erfolg von Konzepten zur „guten Schichtarbeit“ ist eine systematische Kommunikation, ganz nach dem Motto „Tue Gutes und sprich darüber“. Hier kann auch der jeweilige Nutzen der Maßnahmen offensiv kommuniziert werden.

Durch die öffentlichkeitswirksame Vermarktung innovativer Konzepte zur Gestaltung ‚guter Schichtarbeit’ kann die Akzeptanz und Attraktivität von Schichtarbeit gesteigert und damit auch die Zukunftsfähigkeit des eigenen Schichtbetrieb langfristig gestärkt werden. Arbeitgeber können ihr Image verbessern und sich Rekrutierungsvorteile am Arbeitsmarkt verschaffen.

Aufbereitet als Good Practice können diese Konzepte ebenso zur Profilbildung des Unternehmens oder zur Weiterentwicklung von Unternehmensleitlinien und -leitbild (Beispiele: Gesunde Organisation, Familienfreundliches Unternehmen) genutzt werden. Beispiele guter betrieblicher Praxis, die für einen öffentlichkeitswirksamen Transfer genutzt werden, sind eine kostenlose Werbe- und Marketingaktion für das Unternehmen.

Durch eine strategische Verknüpfung mit betriebswirtschaftlichen und personalpolitischen Unternehmenszielen wie Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Arbeitgeberattraktivität erzielen Konzepte und Maßnahmen eine längerfristigere und nachhaltigere Wirkung.

 

Stolpersteine auf dem Weg zu „guter Schichtarbeit“: Unsere Tipps

Oft tauchen bei der Umsetzung von Konzepten und Maßnahmen Barrieren auf, die das Projekt erheblich verzögern oder sogar zum Scheitern bringen. Einige typische Hemmnisse sind beispielhaft unten aufgeführt. Sie gilt es bereits bei der Maßnahmenkonzipierung im Blick zu behalten.

  • Werden Beschäftigte nicht gut in die Problemanalyse und die Maßnahmenentwicklung eingebunden, entwickeln sie häufig eine Abwehrhaltungen gegenüber Vorhaben der Arbeitszeitgestaltung. Schließlich greifen Arbeitszeitveränderungen mitunter tief in das Privatleben der Beschäftigten ein, die Umstellung von Alltagsroutinen fällt vielen Menschen schwer. Insofern muss z. B. bei geplanten Veränderungen des Schichtmodells in der Regel um deutlich mehr Akzeptanz geworben werden als bei Angeboten zur Gesundheitsförderung.
  • Akzeptanzprobleme treten häufig auch dann auf, wenn die Beschäftigten den Eindruck haben, dass Angebote primär als Aushängeschild für das Image des Unternehmens dienen. So werden Angebote zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung als nicht glaubwürdig wahrgenommen, wenn dafür das Personal oder die Unterstützung der Vorgesetzten fehlen.
  • Nicht immer haben Projekte den nötigen Rückhalt im Gesamtbetrieb. Beispielsweise werden Maßnahmen durch eine zentrale Personalabteilung oder das betriebliche Gesundheitsmanagement initiiert, aber im Alltag von den Führungskräften nicht mitgetragen. Eine frühzeitige Einbindung dieser Akteure und eine „Vorteilsübersetzung“ der Maßnahmen verbessern die Umsetzungschancen.

Weitere Informationen:

 

 

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